Aktuell (Mai 2023) sind 14 Frauen und 35 Männer in der Lübecker Bürgerschaft vertreten. Der Anteil der Frauen liegt bei 28,5%, der der Männer bei 71,5%. In den Jahren 1998-2006 hatten Frauen (knapp) 40% der Sitze der Bürgerschaft inne.
Frauen und Männer in der Lübecker Bürgerschaft:
2026 entscheiden zu drei Vierteln (76%) Männer über Lübecks Lokalpolitik und den kommunalen Haushalt
52% der Einwohner:innen Lübecks sind Frauen. In der Kommunalpolitik sind sie jedoch stark unterrepräsentiert.
Seit der letzten Kommunalwahl 2023 vertraten 14 Frauen (29%) und 35 Männer (71%) die Anliegen der Bürger:innen in der Bürgerschaft. Heute (Juni 2026) sind nur noch 12 Frauen (24%) in der Bürgerschaft. D.h. die Entscheidungen über die Kita- und Pflegebedarfsplanung, über Stadt- und Verkehrsplanung, die Verteilung des kommunalen Budgets (2026 immerhin 1,3 Milliarden €) und vieles mehr werden weit überwiegend von Männern getroffen (37 Männer bzw. 76%).
Zwischen 1998 und 2003 waren noch deutlich mehr Frauen (19) in der Bürgerschaft; zwischen 1998-2008 gab es fast zehn Jahre lang rund 40% Frauen in der Bürgerschaft. Danach sank ihr Anteil. Schon seit 2013 gab es nur noch rund 27% Frauen, 2018 und 2023 waren es direkt nach der Wahl rund 29%.
Frauen und Männer in der Lübecker Bürgerschaft. Absolute Zahlen, 1998 - 2023

Frauen und Männer in der Lübecker Bürgerschaft. Prozentuale Zahlen, 1998 - 2023

Abb. 2: Bürgerschaft Lübeck 1998 – 2023 – Entwicklung des Frauen- und Männeranteils
Frauenanteil zu Beginn und zum Ende einer Wahlperiode, Lübeck 2008-2025

Quelle der Grafiken: Frauenbüro der Hansestadt
Bundesweite Studien: Gründe und Hürden für das ehrenamtliche Engagement von Kommunalpolitiker:innen
Bundesweite Studien wie die der EAF zu „Parteikulturen und die politische Teilhabe von Frauen“ zeigen einige Handlungsansätze auf, die von Seiten der Parteien angegangen werden könnten, um mehr Frauen zu gewinnen und auch zu halten.
In einer Befragung der Körber-Stiftung 2025 bei Kommunalpolitiker:innen (73% Männer!), forderten Ratsmitglieder, um das Ehrenamt attraktiver zu gestalten, mehr ideelle Wertschätzung, einen größeren Gestaltungsspielraum sowie finanzielle Kompensationen und eine Verringerung bürokratischer Hürden. Die Befragung zeigte auch: Je mehr Zeit die Befragten wöchentlich für ihr Amt aufwenden (müssen), desto schlechter bewerten sie tendenziell die Vereinbarkeit ihres Ehrenamtes mit Beruf und Privatleben.
Die Vereinbarkeit wird zudem von Frauen, unter 60-Jährigen sowie Erwerbstätigen schlechter bewertet als von Männern.
Gründe und Hürden sind z.B.: die große zeitliche Belastung der Mandatsträger:innen, die sich z.T. kaum mit Familie und Beruf vereinbaren zu lassen scheint. Bundesweit bringt die Hälfte der Kommunalpolitikerinnen wöchentlich mehr als zehn Stunden für dieses Ehrenamt auf.
Aber auch einfach ein Ortswechsel oder der Wunsch nach schnellerer und konkreterer Umsetzung von Veränderungen vor Ort veranlassen Frauen, die Gremien wieder zu verlassen.
Häufige Gründe sind auch:
- die Kommunikationskultur in Parteien und der Bürgerschaft
- fehlende End- und lange Sitzungszeiten in den Nachmittags – und Abendstunden
- die an Frauen z.T. herangetragene Erwartung, mit Mandat trotz Verantwortung für Kindern (zu) viel Zeit in das kommunalpolitische Ehrenamt samt begleitender Veranstaltungen zu investieren
- Schwierigkeit, Familie, Beruf und Ehrenamt zu vereinbaren, aber auch
- die nach wie vor ungleiche Verteilung von Care-Arbeit in Partnerschaften oder gar die alleinige Verantwortung als Alleinerziehende.
- Auch die Vorlage von umfangreichen Berichten und Vorlagen erst kurz vor den Gremiensitzungen bereitet vielen Probleme.
- Das umfangreiche zeitliche Engagement wird z.T. nicht adäquat finanziell ausgeglichen. Und auch:
- sexistisches Verhalten und Übergriffe.
Neben Frauen sind auch andere Gruppen (Väter kleiner Kinder, Menschen zwischen 18 und 45 Jahren, Menschen ohne akademischen Abschluss, Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte) unterrepräsentiert.
In Schleswig-Holstein sehen 70% der Kommunalpolitiker:innen ein Nachwuchsproblem
In der Befragung der Körber-Stiftung 2025 bei Kommunalpolitiker:innen hatten 70% der Befragten den Eindruck, dass ihre Gemeinde in Zukunft ein „Nachwuchsproblem“ bekommen wird.
Good Practice: So kann Kommunalpolitik attraktiver werden. Beispiele bundesweit und in Lübeck
Attraktivität durch Anerkennung, finanzielle Kompensation, Gestaltungsspielräume, einfachere Freistellungen oder Digitale Ratssitzungen
Jeweils rund die Hälfte (in Schleswig-Holstein sogar je 58%) der Befragten in der o.g. Studie war der Ansicht, dass mehr ideelle Wertschätzung und Anerkennung sowie eine bessere finanzielle Kompensation (z.B. höhere Ausgleichszahlungen, verbesserte Rentenansprüche, Steuererleichterungen, Kinderbetreuungspauschalen) sowie größere individuelle Gestaltungsspielräume am meisten dazu beitragen könnten, die Attraktivität des kommunalpolitischen Ehrenamtes zu steigern. Knapp ein Drittel meint, dass auch eine einfachere bzw. häufigere Freistellung von der beruflichen Haupttätigkeit helfen würde. Jeweils rund ein Viertel der Befragten ist der Meinung, dass bessere Möglichkeiten, das Amt auch von zuhause zu erledigen (z.B. digitale Ratssitzungen) das Amt als Ratsmitglied zukünftig attraktiver machen könnte.
Positiv und Best Practice aus Lübeck: Parteiübergreifender Beschluss zur Übernahme von Kosten der Kinderbetreuung für Mandatsträger:innen
Kommunalpolitiker:innen arbeiten ehrenamtlich, üben ihr Amt also neben oder zusätzlich zum Beruf und zum Privatleben aus. Für Politiker:innen, die sich parallel um Kinder oder pflegebedürftige Angehörigen kümmern, bleibt oft kaum oder wenig Zeit für das Ehrenamt. Damit Kommunalpolitiker:innen nicht zusätzlich Geld z.B. für Kinderbetreuung aus der eigenen Tasche zahlen müssen, um das Ehrenamt in der Bürgerschaft oder im Ausschuss ausüben zu können, gibt es die Möglichkeit, die Kosten für eine Kinderbetreuung erstattet zu bekommen.
Über den grundsätzlichen Anspruch hinaus (§ 14 der Landesverordnung für Entschädigungen für Betreuung von Kindern bis 13 oder pflegebedürftiger Familienangehöriger) hat die Bürgerschaft am 29.6.2023 einstimmig beschlossen (Vorlage 2023/12322-01-01): „Eine Erstattung von nachgewiesenen Betreuungskosten, die aufgrund des Ehrenamtes entstehen, erfolgt auf Antrag für die Teilnahme an Ausschuss-, Fraktions- und Bürgerschaftssitzungen inklusive den Vorbesprechungen und darüber hinaus auch für die Teilnahme an Veranstaltungen, die im Zusammenhang mit der Wahrnehmung des Ehrenamtes stehen.“
Empfehlung: Befragung von Kommunalpolitiker:innen beim Ein- und Ausstieg
Eine Befragung der Kommunalpolitiker:innen, die neu in die Bürgerschaft / Ausschüsse gewählt werden, aber auch derjenigen, die aus der Bürgerschaft und den Ausschüssen ausscheiden, könnte mehr Einblick in die Motive für das Engagement, aber auch für die Perspektiven im Amt sowie Gründe für ein mögliches Ausscheiden geben. Beispiele dafür gibt es bereits, z.B. die Studie Frauen in die Politik! Umfrage zur Situation in der Kommunalpolitik in fünf Städten der Regionen Ostwestfalen-Lippe und Südwestfalen (Berlin 2023, Lukoschat, H., Lohaus, S: Hempe, L. (EAF Berlin)
Ohne Paritätsgesetze klappt es leider nicht – Aktionen bundesweit und in Lübeck
Sowohl die Bundesstiftung Gleichstellung als auch der Deutsche Frauenrat setzen sich seit Jahren für ein Paritätsgesetz in Deutschland ein. Viele andere Länder in Europa haben inzwischen Paritätsgesetze, z.B. Frankreich (seit 1999), Spanien (seit 2007), Belgien, Portugal, Slowenien, Polen, Italien, Kroatien, Griechenland, Irland.
Am Mittwoch, 25. Juni 2026, findet der 2. bundesweite Aktionstag „ParitätJetzt“ statt. Interessierte können eine Petition unterstützen oder auch online an einer Fachveranstaltung teilnehmen. In Lübeck findet am Do, 25. Juni 2026, 14-16 Uhr, eine Aktion vor dem Lübecker Rathaus (Breite Str. 62) statt.

Quelle: Frauenbüro der Hansestadt Lübeck
Quelle: Frauenbüro der Hansestadt Lübeck
Der Vergleich der kreisfreien Städte in Schleswig-Holstein zeigt, dass der Anteil der Frauen im Kommunalparlament nach der Kommunalwahl 2023 in Lübeck mit nur 29% Frauen hinter Kiel (39%), Flensburg (36%) und Neumünster (34%) liegt.
„Gender-Ranking“ deutscher Großstädte: Lübeck auf Platz 53 von 77
Bundesweit sind in Großstädten durchschnittlich 37% Frauen in den Räten vertreten. In Lübeck liegt die Mitgestaltung von Frauen seit Jahren weit darunter. Im Gender-Ranking deutscher Großstädte belegte Lübeck 2022 wegen des niedrigen Anteils von Frauen in der Bürgerschaft nur Platz 53 von 77. Städte ähnlicher Größe wie z.B. Mainz (Platz 8), Freiburg (Platz 21) oder Rostock (Platz 35) schnitten wesentlich besser ab.

In den meisten Ausschüssen der Bürgerschaft waren 2018 mehr Männer als Frauen vertreten, z.B. im Hauptausschuss (10 Männer/ 83,4%; 2 Frauen/ 16,6%), aber auch im Bau-, Wirtschafts- oder Kulturausschuss. In den Ausschüssen für Jugendhilfe, Schule und Soziales waren mehr Frauen als Männer vertreten. Nur im Jugendhilfeausschuss ist Parität vorgeschrieben. In §4(6) der Satzung für das Jugendamt der Hansestadt Lübeck (Fassung vom 23.02.2006) ist geregelt, dass bei der Bildung des Jugendhilfeausschusses zu gewährleisten ist, “dass Frauen und Männer zu gleichen Anteilen vertreten sind.“

Nur zwei Frauen hatten 2018 den Vorsitz eines Ausschusses inne, aber 11 Männer (85%).

Der Anteil der Frauen an den Senator:innen in Lübeck lag 2018 bei 50%. Zwei der vier Senator:innen waren (und sind) Frauen. Laut „Genderranking deutscher Großstädte“ ist auch bundesweit der Frauenanteil unter den Dezernent:innen gestiegen: von 18,5% 2008 auf 29,1% 2017. www.boell.de

Den höchsten Anteil von Frauen unter den Partei-Mitgliedern hatten 2017 Bündnis90/Die Grünen mit 45%, gefolgt von den „Unabhängigen“ (DU) mit 37%, „grün+alternativ+links“ (GAL) mit 36% und der SPD mit 35%.