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Carlebach-Synagoge

Nach rund sechs Jahren ist die Sanierung abgeschlossen

Die Lübecker Carlebach Synagoge wurde 1878 im maurisch-byzantinischen Stil vom Lübecker Architekten Ferdinand Münzenberger errichtet. Sie trägt heute den Namen des damaligen Rabbiners Salomon Carlebach. Sie ist die einzige Synagoge in Schleswig-Holstein, die die Zeit des Nationalsozialismus überstand und heute wieder als jüdisches Gotteshaus genutzt wird. Trotz weitgehender Verwüstungen der Innenräume während der Novemberpogrome im Jahr 1938 ist der Gebetssaal teilweise erhalten geblieben. Die Fassade und Kuppel haben die Nationalsozialisten abgerissen und durch eine Backsteinfront ersetzt, sodass sie von außen nicht wiederzuerkennen war. Seit 1945 wieder im Besitz der jüdischen Gemeinde.

Nach fünfjähriger Sanierungszeit erstrahlt das unter Denkmalschutz stehende historische Gebäude seit Sommer 2020 im neuen Glanz und bildet wieder den Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde sein. Die offizielle Wiedereröffnung findet im August 2021 statt.

Impressionen von früher bis heute

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Historischer Rückblick

Der Lübecker Architekt Ferdinand Münzenberger errichtete das Gebäude nach dem Vorbild der Berliner Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Er schuf einen Backsteinbau mit vorgelagertem Vordergebäude und reich verzierter Fassade. Darüber wölbte sich eine prächtige Kuppel, die von einem Davidstern gekrönt war. Nach zweijähriger Bauzeit eröffnete 1880 der Lübecker Bürgermeister die Synagoge. Zu diesem Zeitpunkt wohnten rund 500 Juden und Jüdinnen in der Stadt.

In der Reichsprogromnacht vom 9. Auf den 10. November 1938 plünderte die Gestapo die Synagoge. Angezündet oder gesprengt wurde das Gebäude nicht, weil es Pläne für eine anderweitige Verwendung gab. Im Februar 1939 erwarb die Stadt das Areal für einen sehr günstigen Preis, benannte es in „Ritterhof“ um, riss die Kuppel ab und ersetzte die Fassade durch eine Backsteinfront mit Hakenkreuz. Ab 1940 nutzte sie das Gebäude als Turnhalle, Kindergarten, Requisitenlager und Wohnraum.

Der erste Gottesdienst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde am 1. Juni 1945 gefeiert. Die Stadt gab die Synagoge zurück an die jüdische Gemeinde , die das Hakenkreuz an der Fassade durch den Davidstern ersetzen ließ. und 250 Juden und Jüdinnen lebten Ende 1945 in Lübeck. Seit 2005 ist die Jüdische Gemeinde wieder selbständig. Ihr gehören rund 900 Mitglieder an.

Der Lübecker Architekt Ferdinand Münzenberger errichtete dieses Gebäude, das Platz für 550 Personen bot, nach dem Vorbild der Berliner Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Er schuf einen Backsteinbau mit vorgelagertem Vordergebäude und reich verzierter Fassade. Darüber wölbte sich eine prächtige Kuppel, die von einem Davidstern gekrönt war. Zu den besonderen Stilelementen zählten außerdem der Materialmix aus Backstein, glasierten Ziegeln und Kupfer sowie der Bogenfries und das Rautenmuster. Zugleich war die Synagoge wie ein Kirchenschiff angelegt und wies mit den Spitzbogenfenstern auch gotische Elemente auf.

 

 

Brandanschläge

In der Nacht zum 25. März 1994 wurden Brandsätze in einem Seiteneingang des Gebäudes gezündet und zerstörten dadurch Teile der Synagoge. Es war der erste Brandanschlag auf eine Synagoge in Deutschland seit der Pogromnacht im Jahr 1938, ein rechtsextremistisches Attentat. Die Solidarität war groß: Am Folgetag demonstrieren in der Hansestadt tausende Menschen unter dem Motto "Lübeck hält den Atem an" gegen den Brandanschlag. Weltweit war das Medienecho und Betroffenheit groß.

Am 7. Mai 1995 zündeten bis heute unbekannte Täter einen angrenzenden Schuppen an. Seitdem bewacht die Polizei das Gelände rund um die Uhr.

 

 

Die Sanierung der Synagoge

Die Synagoge war im Laufe der Jahre so baufällig geworden, so dass Gebäudeteile einzustürzen drohten. In der Öffentlichkeit entstand eine Debatte um die Rekonstruktion der maurischen Fassade. Da das Gebäude unter Denkmalschutz steht, lehnte die zuständige Denkmalbehörde den Abriss der Backsteinfront jedoch ab. Die Sanierung dauerte knapp sechs Jahre und kostete etwa 8,4 Millionen Euro. Finanziert wurde sie vom Bund, dem Land Schleswig-Holstein und mehreren Stiftungen. Erneuert wurden Fußböden, Decken und die gesamte Haustechnik. Restaurator:innen legten Malereien im Gebetssaal frei, der zudem eine neue Sakralausstattung erhielt.

Nach dem Umbau ist der Platz für 110 Männer und 90 Frauen. In den Obergeschossen befinden sich ein Musiksaal, Seminarräume und Büros.

 

Die Sanierung im Überblick

Im April 2010 erwarb die Jüdische Gemeinde zu Lübeck e.V. das Grundstück von der Jüdischen Gemeinde in Hamburg e.V. zurück. Im Mai 2010 beschloss der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Lübeck e. V, dass die Lübecker Synagoge aufgrund eines erheblichen Sanierungsstaus und wegen einer stark erhöhten Kapazitätsanforderung, die infolge der Zuwanderung von Bürgerinnen und Bürgern aus den ehemaligen GUS-Staaten eintrat, saniert und für eine künftige und den besonderen Umständen angemessene Gemeindearbeit hergerichtet werden soll. Die Jüdische Gemeinde in Lübeck zählt zur Zeit rund 605 Mitglieder und ist damit zahlenmäßig nicht nur größer als je zuvor sondern auch die größte ihrer Art in Schleswig-Holstein.

Nach mehreren Jahren der Planungen und Voruntersuchungen begann die Sanierung im Juli 2014 und musste im November 2016 zunächst unterbrochen werden.

Um das teilsanierte Denkmal dauerhaft vor Witterungseinflüssen zu schützen, wurden dann im Oktober 2016 kurzfristig Gelder durch Bund, Land und Stiftung bewilligt, so dass die Arbeiten vor Ort im November 2016 wieder aufgenommen werden konnten.

Im April 2017 wurde der Jüdischen Gemeinde durch die Hansestadt Lübeck (vertreten durch den Bereich GMHL) die ipc Dr. Talkenberger GmbH als Projektkoordination an die Seite gestellt. Bis Ende September 2017 konnten nun folgende Arbeiten hergestellt bzw. fertig gestellt werden:

· Herstellung der Ersatzsynagoge im Souterrain des Gemeindehauses

· Abbruch- und Freilegungsarbeiten in der Synagoge

· Trockenlegung (Drainage) des gesamten Gebäudes

· neue Unterkellerung (Unterfangungs-Maßnahmen)

· Erneuerung sämtlicher Ver- und Entsorgungsleitungen auf dem Gelände inkl. der Hausanschlüsse

· Fertigstellung sämtlicher statischen Maßnahmen/Rohbaumaßnahmen am Gebäude

· Sanierungsarbeiten am Mauerwerk und an den Holzbalkendecken sowie die Wiederherstellung sämtlicher historischer Öffnungen

· Restaurierung der historischen Gebetsraumfenster sowie des Apsis-Oberlichtes

· Erneuerung der kompletten Dachhaut und Sanierung des Dachstuhls

· Fertigstellung der Fassadenarbeiten einschl. der historische Fensterelemente

· Herstellung der Vorsynagoge

Aufgrund der Fördermittelzusagen von Bund, Land und Possehl-Stiftung Ende 2016 konnte der letzte Bauabschnitt bis zur Fertigstellung in einem Zuge erfolgen. Er beinhaltet die kompletten Ausbauarbeiten in allen Geschossen bis zur Fertigstellung einschließlich der Haus- und Sicherheitstechnik sowie die Herstellung der Außenanlage:

· Restliche Mauerwerkssanierungen in Einzelbereichen

· Fertigstellung des gesamten Daches inkl. Durchbrüche und Dämmarbeiten

· Einbau der Aufzugsanlage

· Herstellung sämtlicher Außentreppen und Rampen sowie der beiden Rettungsspindeln am Gebetsraum

· Herstellung sämtlicher Estricharbeiten inkl. Abdichtungen

· Herstellung der Innendämmung sowie sämtliche Putzarbeiten

· Trockenbauarbeiten im gesamten Gebäude: Trennwände und Decken, teils mit Brandschutzanforderungen

· Restaurierung der Wand- und Deckenmalereien im Gebetsraum inkl. Einrüstung

· Tischlerarbeiten in allen Geschossen: Treppen, Türen, Fußleisten, Fensterbänke etc.

· Metallbauarbeiten wie Innentüren sowie Winterfenster und Außentüren

· Bodenbelagsarbeiten (Dielen, Fliesen, Estrich) und Malerarbeiten im gesamten Gebäude

· Einbau eines neuen Thoraschreins, Bima und fester Bestuhlung im Gebetsraum

· Einbauküchen für die oberen Geschosse

· Haus – und Sicherheitstechnik

· Gestaltung der Außenanlage

Das gesamte Planungsverfahren erfolgte in engster Abstimmung mit den zu beteiligenden Behörden wie der örtlichen Polizei, dem Landespolizeiamt SH in Kiel, der Feuerwehr Lübeck sowie der Bauordnung und Denkmalschutzbehörde.

 

 

Denkmalpflege

Das Gebäude der Synagoge von 1880 steht auf historischem Grund. Während der Bauzeit stießen die Archäologen auf Reste von Vorgängerbauten. Besonders und einmalig ist die Synagoge deshalb, weil sie trotz der Nazi-Aktionen von 1938 und Folgejahren noch in wesentlichen Teilen vorhanden ist. Die heute im schlichten Äußeren dastehende Lübecker Synagoge ist eine der wenigen in Deutschland, die die Zeit des Nationalsozialismus überstanden hat und die einzige in Schleswig-Holstein vollständig erhaltene. Die Synagoge wurde 1991 als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch der Hansestadt Lübeck eingetragen, wegen seines geschichtlichen Wertes als religionsgeschichtliches Zeugnis und der stadtgeschichtlichen Bedeutung in Bezug auf die besonderen politischen Ereignisse des Jahres 1938. Inzwischen ist die Synagoge vom Bund als Nationales Denkmal anerkannt worden.

Des Weiteren steht das Ergebnis des Umbaus von 1939/41 (in Verantwortung des damaligen Baudirektors Piper) nicht nur für den baulichen Zustand, sondern auch für die leidvolle Entwicklung und Existenzgeschichte ihrer Nutzer, nämlich der Lübecker Juden. Es ist weiterhin bekannt, dass er zur Umsetzung seiner Pläne die Straßenfassade im Bereich der beiden Seitrisalite um ca. 40 Zentimeter vorsetzte. Beide Mauerwerke sind einschalig, der Verband von 1880 ist als Ziermauerwerk ausgesprochen fugenschlank gesetzt (wie schon die zerstörte Schaufassade). Diese Qualität erreicht das Mauerwerk der 1940-er Jahre nicht mehr; - die jetzige Schaufassade ist mit einem aus dem „Heimatschutzstil“ abzuleitenden Mauerwerksziegel mit Wasserstrich aufgeführt worden.

Die Decken-Konstruktionen bestehen insgesamt aus Holz-Balkendecken. Nur die Konstruktionsebene im 1. Obergeschoss im Mittelteil des Kopf-Baus ist künftig (wie bis 1940) aus konstruktiven Gründen als Stahlbetonkonstruktion ausgeführt. Die „Gewölbe-Konstruktion“ des Gebetsraumes ist eine geputzte Holzkonstruktion, die seitlich auf dem Außen-Mauerwerk aufliegt bzw. von den gusseisernen Bindern des Hauptdaches mitgetragen werden. Fußboden des Gebetsraumes wird als Massiv-Boden ausgeführt und wieder eine Holz-Oberfläche erhalten.

Ein besonderer denkmalpflegerischer Aspekt besteht im Umgang mit der anfangs als verloren geglaubten Ausmalung des Gebetssaals von 1880: die als nahezu vollständig wiedergefundene Malerei an Wänden, Gewölben und Frauen-Empore wird wiederhergestellt und dem Raum künftig seine Feierlichkeit zurückgeben.

 

  

 

Dauerausstellung in der Carlebach-Synagoge

Seit Juli 2021 beherbergt die Synagoge auch eine von der Judaistin Nadine Garling kuratierte Dauerausstellung, die in insgesamt vier Räumen die Geschichte des Gebäudes und der Jüdischen Gemeinde Lübeck zeigt und ihre Rabbiner sowie ausgewählte Ritualobjekte vorstellt.

Mit Hilfe von Fotografien, Text- und Filmdokumenten sowie originalen Exponaten wird die Geschichte des Gebäudes und der Juden in Lübeck vermittelt. Medienstationen bieten zusätzliche Informationen. Ein Animationsfilm thematisiert die Schändung der Synagoge 1938, die Zerstörungen im Inneren und an der Fassade und den darauf folgenden Abriss und Neubau der Fassade sowie die Umnutzung des Gebäudes von 1939 bis 1945.

Die Ausstellung ist durchgängig dreisprachig: deutsch, englisch und russisch. Außerdem steht ein eGuide zur Verfügung, über den die Besucher:innen vertiefende Informationen und die Ausstellungstexte auf englisch und russisch auf ihrem Smartphone abrufen können. Dabei können die Besucher:innen über QR-Codes einzelne Biografien einsehen. So werden das Leben und Wirken Lübecker Juden und Jüdinnen am Beispiel von Charlotte Landau, Juliane Mansbacher und Abraham Domb-Dotan gezeigt. Zu sehen ist in Ausschnitten auch ein Zeitzeugeninterview mit Abraham Domb-Dotan aus dem Jahr 1998.

Die Dauerausstellung in der Carlebach-Synagoge ist zweimal wöchentlich ausschließlich für angemeldete Gruppen von maximal 30 Personen zugänglich. Die Gruppe oder Schulklasse muss ihren Besuch mindestens eine Woche (7 Arbeitstage) im Voraus anmelden, indem sie eine E-Mail an anmeldung@jg-luebeck.de schickt, in der das gewünschte Datum und die Uhrzeit des Besuchs, eine vollständige Teilnehmer:innenliste und Kontaktinformationen für Rückmeldungen angegeben sind. Nach Erhalt der E-Mail erfolgt eine Bestätigung der Anmeldung.

Öffnungszeiten:
MI | 15 bis 18 Uhr
FR | 10 bis 16 Uhr
mit Ausnahme von religiösen und gesetzlichen Feiertagen.

Weitere Infos unter jg-luebeck.de.

  

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