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Berg-Ulme

Ulmus glabra - Baum des Jahres 1992

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Hörtext als Kurzfassung

Mal ganz im Vertrauen: Ich habe Angst. Wovor? Dass mich dieser fiese Schlauchpilz eines Tages doch noch erwischt. Seine Masche ist aber auch wirklich ziemlich perfide. Er schlägt nicht direkt zu, sondern hat einen Gehilfen – den Ulmensplintkäfer. Wer so heißt, der kann nichts Gutes im Schilde führen. Und so ist es dann auch: Dieser Käfer bohrt Löcher in meinen Splint. In diese Löcher zieht dann dieser Schlauchpilz ein. Fühlt sich wohl und verstopft dabei meine Wasserbahnen. Wie soll ich’s sagen? Verdursten ist kein schönes Ende. Der legendären Lutherulme zu Worms hat der Pilz bereits den Garaus gemacht. Gott sei Dank bin ich hier in Lübeck gesund. Die Baumpfleger kümmern sich aber auch rührend um mich!

Vielleicht haben meine Pfleger ja die Edda-Sage gelesen und sind deshalb so gut zu mir. Dort steht geschrieben, dass die Frau aus einem Ulmenstamm hervorgegangen ist, der vom Meer ans Land gespült wurde. Ein dreifacher göttlicher Hauch – und schon hatte sie Lebensatem, Wärme und Geist. Der Mann stammt der Sage nach übrigens aus einer Esche. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es heute mal um mich.

Ich bin ein sommergrüner Baum aus der Familie der Ulmengewächse: »ulmus glabra« heiße ich mit vollem Namen. Ich höre aber auch auf »ulmus montana«. Ich bin leicht zu erkennen an meinen asymmetrischen, wie schief wirkenden Blättern.

Im Vergleich zu anderen Bäumen bin ich ein frühreifes Früchtchen. Denn die blattartigen Flügel meiner Früchte erzeugen bereits Energie durch Photosynthese, bevor meine Blätter überhaupt ausgetrieben sind. Die Früchte selbst sind binnen drei Wochen reif und im Mai kann der Wind sie forttragen. Dort, wo sie auf den Boden fallen, müssen sie allerdings auch innerhalb von drei Tagen keimen. Sonst war’s das. Schaffen sie es und wachsen zu einer richtigen Ulme heran, braucht diese wiederum sehr lange, bis sie zum ersten Mal blüht. Rund 20 Jahre, um genau zu sein.

Dabei wachse ich in meiner Jugend rasch und bin mit 30 Jahren fast ausgewachsen. Das heißt: rund 30 m hoch. Gute 10 Meter kann ich dann noch an Höhe zulegen, wenn ich viel Licht und Wärme, reichlich Sickerwasser und wenig Frost abbekomme. Mit meinen tiefen Pfahlwurzeln verankere ich mich fest im Boden. Stehe ich im Wind, bilde ich zur Sicherheit Brettwurzeln aus, damit ich nicht umkippe.

In Mitteleuropa findet man mich vom norddeutschen Flachland bis hin zu den Alpen. Bis 1.400 Meter Höhe kann ich dort wachsen, dann ist aber auch Schluss. Bevorzugt stehe ich auf nährstoffreichen, frischen Böden und meide steinige, trockene Berghänge. Außerdem bleiben wir Berg-Ulmen nicht gerne unter uns. Große zusammenhängende Bestände findet man deshalb nicht. Ich genieße jedenfalls hier im Drägerpark die Gesellschaft anderer Bäume. Ist ja auch viel spannender. Und wie gesagt: Hier passen die Pfleger auf, dass weder dieser fiese Schlauchpilz mich nicht erwischt und der Ulmensplintkäfer erst gar nicht auf die Idee kommt, mich anzuknabbern.

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