27.04.2026

Eine alte Heizungsanlage

„Was ist das denn?“
„Keine Ahnung. Vielleicht eine Wasserrinne?“
„Aber warum so groß? Das ist ja massiv.“

Wenn in alten Kirchen wie St. Marien der Boden aufgemacht wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, auf Dinge zu stoßen, die niemand auf dem Plan hat. Dafür gibt es dann Baubesprechungen, in denen Fachkräfte verschiedener Parteien zusammenkommen, um über Fortschritt und Schwierigkeiten der Baustelle zu reden. Im Falle des obigen Dialogs stand die Expert*innenrunde um eine massive, ca. 1,4 m breite Betonrinne, die sich wohl auf der gesamten Länge des südlichen Kirchenschiffs 40 cm unter dem heutigen Fußboden gemütlich gemacht hatte.

„Da fragen wir mal unseren Kirchenhistoriker.“

Der befragte Kirchenhistoriker zauberte alsbald ein Dokument von 1950 hervor, in dem stand, dass der veraltete Heizungskanal […] provisorisch mit Bauschutt eingeebnet wurde. Es wurden nochmals alte Fotos um die Jahrhundertwende angesehen, und erstaunlicherweise springt jetzt der Kanal förmlich ins Auge.

Inzwischen haben Recherchen im Archiv der Hansestadt Lübeck das Bild weiter geschärft: Wir konnten einen Heizungsplan sowie mehrere Dokumente aus dem späten 19. Jahrhundert ausfindig machen. Demnach handelt es sich bei der Betonrinne um eine Niederdruck-Dampfheizung, die nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1894 bereits 1916 wieder außer Betrieb genommen wurde. In den 1920er Jahren erfolgte dann eine Wiederherstellung beziehungsweise Neuinstallation. Auch wenn danach offenbar noch Änderungen vorgenommen wurden, bestätigen die Dokumente den von uns vorgefundenen Verlauf des Kanals.

Doch damit fangen die Fragen erst an: Die Betonrinne wurde direkt auf alte Gruftkammermauern gesetzt, die dafür teilweise abgestemmt wurden. Der Innenraum der Grüfte musste zu diesem Zeitpunkt schon verfüllt worden sein, denn eine derart dicke Betonrinne wird nicht nur von dünnen Mauern allein getragen. Folglich mussten die Grüfte vor dem Bau der Rinne geöffnet worden sein und ihr Inhalt – die irdischen Überreste der Lübecker Oberschicht vergangener Jahrhunderte – bewegt worden sein. Aber wohin, wann und warum genau?

Gut möglich, dass die Archive der Hansestadt Lübeck auch Antworten auf diese Fragen bereithalten. Fest steht, dass die großen Grabplatten, mit denen St. Mariens Boden gepflastert war, durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Kirchenbild verschwanden. Die Wiederentdeckung des alten Heizungskanals macht allerdings deutlich, dass schon Jahrzehnte vorher die letzte Ruhestätte der Lübecker Oberschicht gestört worden war.