Wärmepumpe fürs Mehrfamilienhaus? Im Gebiet der Erhaltungssatzung? Geht!
Die Geschichte dieses Leuchtturmprojekts beginnt im Jahr 2022, seitdem die Familie Schneider in der Geverdestraße in Lübeck St. Lorenz ein Mehrfamilienhaus hat. Es ist nicht das erste Immobilienprojekt, das Silja Schneider betreut. Relativ schnell erkennt man im Gespräch, dass sie keine „normale“ Frau ist. Als Physiotherapeutin hat sie ursprünglich einen sozialen Beruf erlernt. Man merkt ihr dieses Herz auch heute noch an. 2000 und 2003 kommen ihre Kinder zur Welt. Nach einer Phase der Kinderbetreuung geht es 2005 zurück in ihren Lernberuf. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, vor allem ihre persönliche Vorstellung von Glück, war für sie kurze Zeit später aber nicht mehr gegeben. Sie bespricht sich mit Ihrem Mann und sie entscheiden, zukünftig ihre eher weiße Berufskleidung des Öfteren gegen einen Blaumann zu tauschen. Sie will anpacken. Mehr Work-Life-Balance und vor allem was mit Immobilien, das ist Ihre Vorstellung vom Leben und ihrer Berufung. Ihr Mann begleitet all ihre Schritte und fördert sie. Fragt man ihn heute, wie er den Schritt seiner Frau im Nachhinein beurteilt, erhält man ein kurzes "Wow!". Die ein oder andere Person aus ihrem Umfeld reagiert allerdings irritiert. Warum macht sie das? Hat sie das wirklich nötig? Sie könnte sich doch auch um ihr eigentliches Wohnhaus in Stockelsdorf kümmern, ihren Mann mehr unterstützen. Oder Tennis, Yoga, Shoppen - halt die Dinge, die viele „normale“ Frauen ihrer Generation so machen.
Sie ist aber anders. In den folgenden Jahren nimmt sie ihre Kinder teilweise mit auf die Baustellen oder die Verwaltungstermine ihrer Objekte, baut persönliche Bindungen zu ihren Mietenden und zukünftigen Bewohnenden auf. Ihre Kinder entwickeln so schon schnell ein Verhältnis zu Immobilien. Im Laufe der Jahre, sagt sie, hat sich aber etwas verändert. Sicherlich haben ihre Kinder hier auch einen Einfluss auf sie ausgeübt: „Es geht bei Anlageimmobilien überall immer nur die größtmögliche Rendite. Notwendige energetische Sanierungen sind teuer und für die meisten gefühlt unrentabel, trägt aber zum Werterhalt der Immobilie bei. Und es ist doch ersichtlich, dass wir irgendwann ein Problem bekommen. Lübeck will klimaneutral werden! Was kommt denn bitte nach 2035? Das ist in weniger als 10 Jahren. Wir können also nicht noch weitere 20 Jahre wieder nichts machen.“ Ihre Betonung liegt hier übrigens auf dem „wieder“.
Als sie feststellt, dass das Haus in der Geverdestraße ständig kaputte Heizungen hat, stellt sich die Frage nach der Zukunft: wieder Gas-Etagenheizungen oder eine zentrale Lösung? Aber – ist das die Zukunft? Sie fasst einen Entschluss: Sie will das jetzt, wie sie es nennt, richtig machen. Richtig machen, bedeutet für sie, das unter Erhaltungssatzung stehende Haus nicht nur zu sanieren, sondern es ökologisch fit für die Zukunft zu machen. Es wird das erste Altbauobjekt mit einer Wärmepumpe im Quartier am Brolingplatz in St. Lorenz werden.
Schnell arbeitet sie sich in die Materie ein. Sie will wissen, wie das alles funktioniert. Das ist ihr immer schon wichtig gewesen. Kann ich wirklich mit einer Wärmepumpe ein so altes Mehrfamilienhaus heizen? Was für Schritte sind notwendig? Sie wühlt sich durch einen Informationsdschungel. Sie führt Gespräche, zuerst mit der Familie, dem Freundeskreis und stößt bald darauf Diskussionen mit Fragen an, von denen die meisten noch nicht einmal etwas gehört haben. Es geht auch um mögliche Belastungen für die Mietenden. Sie selbst wohnt nicht in dem Haus. Kann sie das machen? Können sich alle Beteiligten diese Transformation leisten? Organisatorische Dinge sind einfach zu erledigen, es fehlen Dokumente und Bauzeichnungen, die angefertigt werden müssen. Ja, das kostet viel Nerven und Zeit. Bei Ämtern stößt sie auf große Unterstützung, Begeisterung und Zusammenarbeit. Womit sie hingegen nicht gerechnet hat: Vorverurteilungen durch Nachbarn, die ihr Veto einlegen. Zu laut sei eine Wärmepumpe.
Silja Schneider kritisiert heute vor allem, dass uns eine gemeinsame Utopie fehlt, die die große Aufgabe des Klimaschutzes für uns einrahmt. Es geht auch um eine fehlende und lösungsorientierte Diskussionskultur. Selbst im Jahr 2026 stellt sie immer noch fest, wie wenig die meisten Immobilienbesitzenden, auch aus ihrem Umfeld, von vielen Aspekten noch nie etwas gehört haben. Es folgen dann veraltete Einstellungen, die auf falschen Fakten basieren. Im schlimmsten Fall treffe man in Veranstaltungen auf Personen, die Klimaschutz nach wie vor als Öko-Spinnertum abtun und damit auch noch die Deutungshoheit des Abends genießen. Das versucht sie zu ändern. Das muss sich für sie ändern.
Im Mai 2025 lernt sie dann eine dänische Firma kennen, die eine andere Art von Wärmepumpe im Sortiment hat. Sie steht nicht irgendwo an der Wand, sondern ähnelt einem Pilz, ein Teil dieser Wärmepumpe ist im Erdreich versenkt, das Gebläse pustet die Luft nach oben. Und die Firma kann diese Anlage sogar schnell liefern. Ein passender Betrieb hat Kapazitäten für den Einbau. Sie findet Einigungen mit Mietenden, den Anwohnenden und Behörden. Der Vorgarten wird ausgehoben, Fundamente geschüttet. Heute steht der Wärmepumpen-Pilz sichtbar für alle im Vorgarten. Es ist der erste seiner Art im Quartier. Wenn der Sommer endlich da ist, wird er durch einen bienenfreundlich angelegten Vorgarten gesäumt. Sie macht das stolz. So ein Einbau kann dann am Ende schnell gehen.
Für die Familie Schneider ist das Leuchtturmprojekt bei Weitem aber noch nicht abgeschlossen. Viel Geld ist mittlerweile in das Haus geflossen. Dazu seit Jahren wöchentlich fünf bis sechs Stunden Arbeit. Die Wärmedämmung des Hauses ist nach wie vor eine Baustelle, insbesondere weil das Haus im Altbauquartier am Brolingplatz steht. Hier kann man nicht einfach Fassadendämmung anbringen. Der technische Fortschritt macht heute aber vieles einfacher. Sie ist auch hier eine der Ersten und testet derzeit einen auf Nanotechnologie basierenden Dämmputz, welcher aufgrund der minimalen Materialstärke von ca. 1 mm die Struktur der Altbaufassade erhält. Mittlerweile arbeitet sie zusammen mit Ihrem erwachsenen Sohn Claas. Beide besitzen gleichzeitig ein Verständnis dafür, dass sie sich selbst und auch die Mietenden nicht finanziell überlasten können.
Sie will ihre Erfahrungen weitergeben und möchte, dass es für zukünftige Interessierte einfacher und leichter ist. Hier hat sie eine Checkliste zum Heizungstausch von Immobilien in der Erhaltungssatzung erstellt. Und die ökologische Transformation muss schneller als bisher gehen, das ist ihr besonders wichtig. Spätestens hier merkt man noch einmal, dass Silja Schneider keine normale Lübeckerin ist – sie ist eine Powerfrau, die vorangeht und so einen tollen Leuchtturm geschaffen hat.
Die Klimaleitstelle zeigt Ihr Projekt im Zuge der Ausstellung Die 7 Leuchttürme der Energiewende in Lübeck auf der Auftaktveranstaltung der GO.GROON-Messe am 24.04.2026, wo Frau Schneider auch live von Ihren Erfahrungen berichtet. Übrigens können Sie Silja Schneider (silja.klimadialog) auch auf Instagram folgen.
Ab 29.05. | Größte Solarthermie Anlage Schleswig-Holsteins – na klar, in Lübeck.
Das Leuchtturm-Projekt wird am 29.05.2026 hier veröffentlicht.
Ab 30.06. | Wenig Platz: Trotzdem Solarenergie und viel Grün.
Das Leuchtturm-Projekt wird am 30.06.2026 hier veröffentlicht.
Ab 31.07. | Von der Sonne, für uns. Photovoltaikanlage in Ivendorf
Das Leuchtturm-Projekt wird am 31.07.2026 hier veröffentlicht.
Ab 31.08. | Abluft-Wärmepumpe: Heiße Luft macht’s drinnen warm.
Das Leuchtturm-Projekt wird am 31.08.2026 hier veröffentlicht.
Ab 30.09. | Nachbarschaft an der Obertrave – gemeinsam wird‘s!
Das Leuchtturm-Projekt wird am 30.09.2026 hier veröffentlicht.
Ab 30.10. | Hydraulischer… was? Kleine Maßnahmen, große Einsparung.
Das Leuchtturm-Projekt wird am 30.10.2026 hier veröffentlicht.