Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk
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Mit der Ausstellung „Trave – Taucher – Technik. Ohne Taucher geht es nicht!“ rückt das Industriemuseum Herrenwyk erstmals eine Berufsgruppe ins Zentrum, deren Arbeit für die industrielle Entwicklung der Hansestadt unverzichtbar war, deren Bedeutung jedoch lange kaum wahrgenommen wurde. Ab dem 18. April 2026 zeigt die von Rainer Wiedemann kuratierte Schau, welchen wesentlichen Beitrag Berufstaucher:innen über mehr als ein Jahrhundert zur Entstehung und Modernisierung der industriellen Infrastruktur entlang der Trave geleistet haben – von den großen Schiffsbauten der Flenderwerft bis zum Hafen vom Hochofenwerk in Herrenwyk. Dabei gibt sie einen Überblick über die Geschichte des Tauchens von der Antike bis heute und legt einen Schwerpunkt auf die Rolle der Lübecker Firma Dräger, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts technische Geräte für das Tauchen entwickelt. Zu den Highlights der ausgestellten Dräger-Objekte zählen eine historische Dekompressionskammer und frühe Helmtauchanzüge. Darüber hinaus werden zahlreiche Objekte aus Museen oder Tauchervereinen sowie von der Feuerwache Lübeck präsentiert. Die Ausstellung ist bis zum 25. Oktober 2026 zu sehen.
Die Trave bildete über Jahrzehnte das Rückgrat der Lübecker Industrialisierung. Unterhalb ihrer Wasseroberfläche vollzog sich ein Großteil jener Arbeiten, die den Ausbau von Werftanlagen, die Reparatur großer Schiffe oder den Betrieb des Hochofenwerks erst möglich machten. Berufstaucher setzten Spundwände, legten Unterwasserleitungen, erkundeten Schäden an Rümpfen und führten Arbeiten aus, die unter schwierigen Bedingungen ein hohes Maß an technischem Können erforderten. Viele Prozesse, die für die industrielle Entwicklung der Stadt entscheidend waren, blieben der Öffentlichkeit verborgen, weil sie vollständig unter Wasser stattfanden. Die Ausstellung macht diese unsichtbare Welt erstmals umfassend sichtbar und verdeutlicht, dass ohne die Taucher zentrale technische und wirtschaftliche Strukturen der Stadt nicht hätten entstehen können.
Dabei geht es nicht ausschließlich um die Vergangenheit. Auch heute ist der Beruf des Tauchers aus zahlreichen Bereichen nicht wegzudenken. Hafen- und Industriebetriebe entlang der Trave benötigen weiterhin regelmäßig Unterwassereinsätze und moderne Forschungseinrichtungen greifen zunehmend auf spezialisierte Tauchteams zurück, um ökologische Veränderungen, Meereserwärmung, Schadstoffablagerungen oder Munitionsaltlasten zu untersuchen. Die Ausstellung zeigt, wie vielfältig der Berufsalltag geworden ist: vom technischen Unterhalt großer Anlagen über Rettungseinsätze bis hin zur wissenschaftlichen Datenerhebung in Flüssen und Küstengewässern. „Gerade der Aspekt der gemeinhin oftmals unbekannten Systemrelevanz von Tauchern war ein Grund, wieso ich das Thema für unser Museum - abgesehen vom Industriebezug - so spannend fand”, erklärt die Direktorin des Industriemuseums Dr. Bettina Braunmüller. Die Besucher:innen erhalten ein Gesamtbild eines Berufsfeldes, das sich stetig weiterentwickelt und heute weit über klassische Industrietauchgänge hinausreicht.
Kurator Rainer Wiedemann hat diese Entwicklung in jahrelanger Recherche aufgearbeitet. Zahlreiche Gespräche mit ehemaligen und aktiven Berufstaucher:innen, Mitarbeiter:innen der Feuerwehr und der Marine sowie Wissenschaftler:innen aus der Region bilden die Grundlage der Schau. Viele Objekte stammen aus nicht öffentlich zugänglichen Sammlungen und wurden großzügig für die Ausstellung bereitgestellt. So entsteht ein eindrucksvoller Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt der Taucher:innen, der sowohl technische Aspekte als auch persönliche Erfahrungen berücksichtigt.
Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Rolle der Firma Dräger, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidende Impulse zur technischen Weiterentwicklung des Tauchens gegeben hat. Das Lübecker Traditionsunternehmen begann bereits 1906 mit der Erforschung geeigneter Atem- und Kreislaufgeräte und entwickelte im Laufe des Jahrhunderts zahlreiche international anerkannte Systeme. Die Ausstellung zeigt diese Fortschritte anhand bedeutender Originale – darunter eine historische Dekompressionskammer von 1967, ein Dräger DM40 Bolzenhelm samt Helmtauchanzug und Zubehör, ein Leichttauchggerät sowie technisch ausgefeilte Kreislaufgeräte, die die berufliche Realität der Taucher:innen plastisch nachvollziehbar machen.
Eine große Zahl historischer Fotografien ergänzt diese technischen Exponate. Viele Aufnahmen wurden bislang nie öffentlich gezeigt und stammen aus den Archiven ehemaliger Taucher:innen, aus Beständen der Feuerwehr oder aus regionalen Museumsbeständen. Sie dokumentieren Arbeitsbedingungen, Gerätschaften und Einsatzsituationen und machen die Herausforderungen sichtbar, denen die Taucher:innen täglich ausgesetzt waren. Zugleich zeigen sie, wie sich technische Standards und körperliche Anforderungen im Laufe der Jahrzehnte verändert haben.
Darüber hinaus ist anhand von Bild- und Texttafeln die lange Geschichte des Tauchens von der Antike bis heute nachzuvollziehen: Das faszinierende Apnoe-Tauchen der Muscheltaucher schon 4.500 v. Chr. in Ostasien oder die Schwammtaucher 2.500 v. Chr. bei den Griechen sind nicht in Vergessenheit geraten. Auch heute tauchen Hobbytaucher:innen und Berufstaucher:innen für die Wissenschaft ohne Hilfsmittel tief in die Gewässer. Die Bundesmarine verpflichtet alle U-Bootfahrer:innen zum Apnoe-Tauchen.
Die Ausstellung wurde finanziell gefördert von der Possehl-Stiftung sowie dem Verein für Lübecker Industrie- und Arbeiterkultur e.V., Frau und Kultur Lübeck e.V. und der von Keller-Stiftung.
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Begleitkatalog, der die wichtigsten Inhalte zusammenfasst und vertieft. Dieser trägt den Titel der Ausstellung und ist im Museumsshop für 5 Euro erhältlich.
Eröffnung
Die Ausstellung „Trave – Taucher – Technik. Ohne Taucher geht es nicht!“ wird am Freitag, 17. April, um 17 Uhr im Industriemuseum Herrenwyk eröffnet. Nach einer Begrüßung durch die Museumsdirektorin Dr. Bettina Braunmüller sprechen Ausstellungskurator Rainer Wiedemann sowie Dieter Harfst, ehrenamtlicher Mitarbeiter in der historischen Gerätesammlung der Firma Dräger. Die Teilnahme ist kostenlos.
Begleitprogramm
Begleitend zur Ausstellung ist ein breit gefächertes Programm geplant. Neben regelmäßigen Führungen finden Fachvorträge, Sonderführungen mit Expert:innen sowie ein Live Tauchgang in der Trave statt. Den Auftakt macht gleich am Sonntag, 19. April, um 11 Uhr eine Führung mit dem Ausstellungskurator Rainer Wiedemann. Gruppen und Schulklassen können das Thema im Rahmen individuell vereinbarter Termine vertiefen.
Weitere Informationen unter https://industriemuseum-herrenwyk.de +++
Quelle: Die Lübecker Museen
