Vorlage - VO/2026/14797  

Betreff: Die Kinder- und Jugendhilfe im Kontext der demografischen Entwicklung
Status:öffentlich  
Dezernent/in:Senatorin Monika Frank
Federführend:4.041 - Fachbereichs-Dienste Bearbeiter/-in: Drescher, Thorsten
Beratungsfolge:
Senat zur Senatsberatung
Jugendhilfeausschuss zur Kenntnisnahme
05.02.2026 
22. Sitzung des Jugendhilfeausschusses (Wahlperiode 2023 - 2028)      

Beschlussvorschlag
Sachverhalt
Anlage/n

Beschlussvorschlag

Die Bevölkerungsstruktur der Hansestadt Lübeck entwickelt sich im Kontext des demografischen Wandels sowie Flucht- und Migrationsbewegungen dynamisch. Die statistischen Nachrichten der kommunalen Statistikstelle stellen den demografischen Wandel eindrücklich dar.[1] Insbesondere der Rückgang der Geburten führt dazu, dass die Frage nach der sogenannten „demografischen Rendite“ immer häufiger gestellt wird: Wie wahrscheinlich ist es, dass sinkende Kinderzahlen in Zeiten knapper kommunaler Kassen neue finanzielle Spielräume schaffen? Der vorliegende Bericht beleuchtet die demografischen Daten aus Perspektive der Jugendhilfeplanung und setzt sie mit weiteren Faktoren, die den Bedarf an Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe beeinflussen, in Zusammenhang.


 


[1] Umfangreiche Informationen finden sich auf https://www.luebeck.de/statistik. Insbesondere die Statistischen Nachrichten Nr. 66 und 67 geben detaillierte Einblicke in die Bevölkerungsprognose und die Altersstruktur der Hansestadt Lübeck.


Begründung

 

Entwicklung der Gesamtbevölkerung und der unter 21-Jährigen

Die Gesamtbevölkerung in Lübeck ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Lübeck ist eine wachsende Stadt, die erst kürzlich mit 223.156 Einwohner:innen einen neuen Höchststand verzeichnen konnte. Die jährlichen Steigerungsraten der Bevölkerung in Lübeck lagen zwischen 0,1 % und 0,9 %. Innerhalb der letzten fünf Jahre nahm die Bevölkerung somit in Summe um 1,6 % zu.

Bei den jungen Menschen unter 21 Jahren zeigt sich hingegen eine differenziertere Entwicklung. Während ihre Anzahl von 2020 zu 2021 um 0,6 % zurückging, stieg sie von 2021 bis 2023 deutlich um 1,7 %, bevor sie im neusten Berichtsjahr wieder leicht ckläufig war (s. Abb. 2). Die Flucht- und Migrationsbewegungen im Zuge des Angriffskriegs auf die Ukraine spielen bei diesen Beobachtungen eine maßgebliche Rolle.

 

Abbildung 1: Bevölkerung  und unter 21-Jährige mit Erstwohnsitz in Lübeck am jeweils 31.12. des Berichtsjahres (Quelle: Kommunale Statistikstelle Hansestadt Lübeck 2024; eigene Darstellung)

 

Faktoren der Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung wird durch vier Faktoren beeinflusst: Zuzüge und Fortzüge (Wanderungssaldo) sowie Geburten und Sterbefälle (natürliches Saldo). Seit Längerem liegt die Anzahl der Menschen, die nach Lübeck ziehen, über der Anzahl der Menschen, die Lübeck verlassen. Darin enthalten sind Zuzüge aus dem In- und Ausland. Die Fluchtbewegungen aus der Ukraine spiegeln sich beispielweise deutlich bei den Zuzügen im Jahr 2022 wieder. Im Jahr 2024 lag der Wanderungssaldo bei 1.607. Der natürliche Bevölkerungssaldo ist in Lübeck, wie auch bundesweit beobachtbar, negativ. Das bedeutet, jährlich sterben mehr Menschen als geboren werden. Der natürliche Saldo lag im Jahr 2024 bei -1.398. In Kombination dieser Faktoren ergibt sich ein leichtes Wachstum der Gesamtbevölkerung im vergangenen Jahr.

 

Abbildung 2: Zuzüge, Fortzüge, Geburten und Sterbefälle in Lübeck nach Kalenderjahr (Quelle: Kommunale Statistikstelle Hansestadt Lübeck 2024; eigene Darstellung)

Die Geburtenanzahl ist in den vergangenen Jahren deutlich rückläufig. Während im Jahr 2020 noch 1.819 Lübecker Kinder geboren wurden, waren es im Jahr 2024 mit 1.597 rund 12,2 % weniger. Dies liegt nicht nur darin begründet, dass die Anzahl der Personen im sogenannten gebärfähigen Alter rückläufig ist, sondern die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Anzahl von Kindern pro Frau, ist deutlich gesunken (ohne Abbildung). Die Ursachen für den Geburtenrückgang sind nicht eindeutig bestimmbar und können regional variieren. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung stellt eine stabile subjektiv gewünschte und ideal vorgestellte Kinderzahl fest, während die tatsächlichen Geburten bundesweit sinken. Daraus ergibt sich als eine mögliche Erklärung, dass die Kombination multipler Krisen zu einem Aufschub der Erfüllung des eigenen Kinderwunsches führt.[1]

 

Die Binnenaltersstruktur der jungen Menschen in Lübeck

Der Geburtenrückgang hat Auswirkungen auf die Binnenaltersstruktur junger Menschen in Lübeck. Zwar blieb die Gesamtzahl der unter 21-Jährigen vergleichsweise stabil, aber in Folge der zurückgehenden Geburten ist die Anzahl der unter 3-Jährigen in Lübeck deutlich rückläufig (s. Abb. 3). Seit 2020 ist sie von 5.449 auf 4.783 gesunken, was einem Rückgang von 12,2 % entspricht. Auch die Altersgruppe der 3- bis unter 6-Jährigen ist zurückgegangen, und zwar um 5,5 % von 5.394 auf 5.709. Bei den übrigen Altersgruppen lässt sich eine Stagnation oder leichte Steigerung beobachten. Insbesondere die geburtenstarken Jahrgänge 2015 und 2016 bilden sich in der Altersstruktur der 6- bis unter 12-Jährigen ab.

 

Abbildung 3: Unter 21-Jährige nach Altersgruppen mit Erstwohnsitz in Lübeck am jeweils 31.12. des Berichtsjahres (Quelle: Kommunale Statistikstelle Hansestadt Lübeck 2024; eigene Darstellung)

 

Zentrale Ergebnisse der Bevölkerungsprognose

In Zeiten unsicherer wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Entwicklung ist eine verlässliche Prognose der Bevölkerungsentwicklung mit methodischen Schwierigkeiten verbunden. Die kommunale Statistikstelle berechnet die Bevölkerung auf Basis von verschiedenen Annahmen und Beobachtungen voraus. Hinsichtlich der Geburten wird angenommen, dass sich diese auf niedrigem Niveau stabilisieren werden (Durchschnittswert der letzten fünf Jahre). Außerdem wird als Grundannahme gesetzt, dass das Bevölkerungssaldo bei den jungen Menschen unter 21 Jahren positiv bleiben wird. Unvorhersehbare Ereignisse, wie z.B. die Flucht- und Migrationsbewegungen im Jahr 2015 v.a. aus Syrien und im Jahr 2022 aus der Ukraine, können nicht oder nur sehr bedingt antizipiert werden.

Die Bevölkerungsprognose der Hansestadt Lübeck geht von einer langfristig leicht rückgängigen Anzahl an jungen Menschen unter 21 Jahren aus. Während derzeit noch rund 39.945 unter 21-Jährige in Lübeck leben, werden es voraussichtlich im Jahr 2035 39.343 (-1,5 %) und im Jahr 2045 noch 37.376 (-6,4 %) sein. Die Entwicklung der unter 3-Jährigen ist hinsichtlich der dynamischen Entwicklung der Geburten besonders auffällig. Gesetzt der Annahme, dass die Geburtenzahlen sich stabilisieren, ist davon auszugehen, dass die Anzahl sich langfristig bei ca. 5.000 einpendelt. Bei den 3- bis unter 6-Jährigen ergibt sich aus der Bevölkerungsprognose, dass ihre Zahl wahrscheinlich zunächst sinken wird, aber auf einem stabilen Niveau verbleiben wird. Bei den mittleren Altersgruppen von 6 bis unter 15 Jahre lösen sich schrittweise die demografischen Sondereffekte aufgrund des Geburtenhochs in den Jahren 2015 bis 2017 auf. Diese vergleichsweise großen Geburtsjahrgänge durchlaufen voraussichtlich die Altersgruppen entsprechend, bevor eine Normalisierung eintritt.

 

Abbildung 4: Unter 21-Jährige nach Altersgruppen gemäß der Belkerungsprognose der Hansestadt Lübeck (Quelle: Kommunale Statistikstelle Hansestadt Lübeck 2025; eigene Darstellung)

 

Seitens der Jugendhilfeplanung lässt sich aus der Bevölkerungsprognose das Fazit ziehen, dass unter den angenommenen Voraussetzungen mit einer leicht rückläufigen, aber im Grunde stabilen Anzahl von Kindern und Jugendlichen zu rechnen ist. Gleichzeitig ist die Prognose mit methodischen Unsicherheiten verknüpft, die sich aus aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Geschehnissen ergeben.  

 

Wie wahrscheinlich ist eine „demografische Rendite“?

Der Rückgang der Geburten und die damit verbundene sinkende Anzahl von Kindern und Jugendlichen wird immer wieder in öffentlichen Diskursen mit der Hoffnung auf eine sogenannte demografische Rendite verbunden.[2] Damit ist vor allem ein Rückgang (oder zumindest eine Dämpfung des Anstiegs) von Kosten r Leistungen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe gemeint. In den letzten 20 Jahren konnte diese Erwartung bundesweit allerdings bisher nicht erfüllt werden. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden im Folgenden skizziert.

Erstens ist die tatsächliche Anzahl junger Menschen aufgrund von demografischen Sondereffekten nicht so rückläufig, wie ursprünglich aufgrund der Geburtenentwicklung angenommen. So lag in Lübeck die Bevölkerungsprognose von 2005 für 2020 rund -8,6 % bei den unter 21-Jährigen unter der tatsächlichen Bevölkerung, weil u.a. die Flucht- und Migrationsbewegungen statistisch nicht vorhersehbar waren. (Die Statischen Nachrichten Nr. 66 der Hansestadt Lübeck bereiten diese Differenz b anschaulich auf.) Diese demografischen Sondereffekte veranlassten die Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2017 zu schlussfolgern: „Demografische Rendite adé“[3].

Zweitens führen neue Rechtsverpflichtungen und -ansprüche zu Personalmehrbedarf und Mehraufwendungen für Kommunen als örtlichem Träger der öffentlichen Jugendhilfe. Insbesondere nennenswert sind das Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KGG) im Jahr 2011, die Einführung des Rechtsanspruchs auf Kindertagesförderung ab dem ersten Geburtstag im Jahr 2013 und das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) (die sog. SGB VIII-Reform) im Jahr 2021. Auch in absehbarer Zukunft wird es gesetzliche Novellierungen geben, die neue Aufgaben für die kommunale Kinder- und Jugendhilfe enthalten, insbesondere die sukzessive Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen ab dem Schuljahr 2026/27 sowie die inklusive Öffnung der Jugendhilfe (IKJHG) ab dem Jahr 2028.

Drittens ergibt sich der Bedarf von jungen Menschen und ihren Familien an Kinder- und Jugendhilfeleistungen nicht ausschließlich aus der absoluten Anzahl von Kindern und Jugendlichen, sondern hängt maßgeblich von weiteren Faktoren ab. Der 17. Kinder- und Jugendbericht beschreibt eindrücklich die Herausforderungen, vor denen junge Menschen im Kontext der multiplen Krisen (Pandemie, Kriege, Klimawandel, Digitalität, alternde Gesellschaft u.ä.) stehen. Für die Kinder- und Jugendhilfe konstatiert er, dass sie „trotz der Ausnahmesituationen der letzten Jahre funktionsfähig [ist], [sie] stößt jedoch zunehmend an Grenzen[4]. Es ist anzunehmen, dass vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen der Bedarf an Beratung, Unterstützung und Hilfe durch die Kinder- und Jugendhilfe steigen wird. 

 

 

Fazit

Die aktuelle Bevölkerungsentwicklung in Lübeck ist durch unterschiedliche demografische Sondereffekte aufgrund von Flucht- und Migrationsbewegungen sowie unerwartet stark sinkenden Geburten geprägt. Ob es sich bei der zuletzt rückläufigen Geburtenanzahl um Aufschiebungen aufgrund der multiplen Krisen oder einen dauerhaften Trend handelt, ist nicht abschließend geklärt. Dank des positiven Wanderungssaldos ist Lübeck dennoch weiterhin eine wachsende und für Familien attraktive Stadt.

Die demografische Entwicklung ist nicht automatisch an die Bedarfslagen von Angeboten und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe gekoppelt. Vor dem Hintergrund schwierig vorhersehbarer demografischer Entwicklungen, neuen Rechtsverpflichtungen und -ansprüchen sowie sich weiterhin dynamisch entwickelnden Bedarfslagen erscheint eine „demografische Rendite“ derzeit als unwahrscheinlich.

 

 

 


[1] Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2024 (Hrsg.): Stabile Kinderwünsche trotz

Geburtenrückgang. Werden Geburten wegen der Krisen aufgeschoben?. Online verfügbar: https://www.bib.bund.de/Publikation/2025/pdf/BiB-Aktuell-6-2025.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (letzter Aufruf: 05.01.2026).

[2] Zuletzt so von der Bundesbildungsministerin Karin Prien in einem Interview mit der FAZ am 14.12.2025.

[3] Bertelsmann-Stiftung 2017 (Hrsg.): Demographische Rendite adé. Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen. Online verfügbar: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Demographische_Rendite_ade___final.pdf (letzter Aufruf: 07.01.2026)

[4] BMBFSFJ 2024 (Hrsg.): Zuversicht braucht Vertrauen. Die Lage der jungen Generation und die Situation der Kinder- und Jugendhilfe. Zentrale Erkenntnisse und Empfehlungen des 17. Kinder- und Jugendberichts. Online verfügbar: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/244632/18b7a919ee3c32a23ba391885ac29e2f/17-kinder-und-jugendbericht-kurzfassung-deutsch-data.pdf (letzter Aufruf: 07.01.2026)


Anlagen

Keine