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Stadtbibliothek

Hundestraße 5-11

Der Bibliotheksneubau, der in den Jahren 1925/26 unter der Ägide und nach Plänen von Oberbaurat Friedrich Wilhelm Virck (s. Gewerbeschule, Parade 2) errichtet wurde, fügt sich entlang der Hundestraße in den Bestand der aus sieben Jahrhunderten stammenden Bibliotheksbauten in und um das ehemalige Katharinenkloster und die Katharinenkirche ein. Bemerkenswert an diesem Gebäude ist nicht nur sein im Vergleich zu den historischen Nachbargebäuden stilistisch herausragendes Äußeres, sondern es gilt auch, wie ein bauzeitlicher Zeitschriftenartikel es formuliert, als „Markstein in der Geschichte des lübeckischen, ja auch des deutschen Bibliothekswesens, denn es handelt sich um den ersten Bibliotheksneubau in Deutschland nach dem Kriege.“ (Vaterstädt. Blätt., 1925/26, Heft 1).

Virck wählte hierfür, wie Runge und Lenschow beim Gewerkschaftshaus (s.o.), eine Fassade, die sich in zwei Abschnitte gliedert. So bildet auch hier ein schlichtes Erdgeschoss mit zwei seitlich liegenden Rundbogeneingängen und vier dazwischen liegen Fenstern eine Sockelzone für die beiden Obergeschosse, die sich über einem akzentuierten Stockwerksgesims erheben. Sie sind in 11 Fensterachsen unterteilt, und werden, wie es ebenfalls bereits vom ehemaligen Gewerkschaftshaus bekannt ist, durch prismenartig hervortretende und bis zum Abschluss des Obergeschosses durchlaufende Lisenen flankiert. Ornamental und flächig vermauerte Klinker im Brüstungsmauerwerk zwischen den Obergeschossen greifen ebenso expressionistische Stilmerkmale auf wie die beiden sich extravagant und prägnant aus der Fläche herausschiebenden Konsolen im Erdgeschoss, die als Sockel für die kantigen Lampen dienen.

Die hohen dreigeteilten Fenster des ersten Obergeschosses weisen dieses als Hauptgeschoss aus und sorgen im dahinter liegenden Lesesaal für ausreichend Lichteinfall.

Auch wenn Vircks Neubau von einem Satteldach abgeschlossen ist, gelingt es ihm, durch ein fast gebäudebreites aufgesetztes flaches Pultdach den oberen Gebäudeabschluss als Flachdach wirken zu lassen, eine architektonische Finesse, die ebenfalls den Charakter des zeitgenössischen expressionistischen Baustils betont.

Im Gebäudeinneren ist die bauzeitliche Ausstattung noch fast vollständig erhalten. Gestalterische Details wie Türen, Treppen, Wanddekor und Fußböden zeugen von einer innen wie außen einheitlichen Gestaltung im Stil der Zeit. Zu erwähnen ist insbesondere die Ausstattung des Lesesaals. Seine Stirnseiten sind mit Fresken versehen, die von Ervin Bossanyi angefertigt wurden (s. auch Windfang-Fenster, Parade 2). Zur Zeit des Nationalsozialismus waren sie als „entartet“ übertüncht, wurden jedoch zu einem späteren Zeitpunkt wieder freigelegt (Denkmal seit 1967).

Entwurf: Friedrich Wilhelm Virck

 

 

Der norddeutsche Klinkerexpressionismus

In Anlehnung an den Heimatschutzstil und unter Beeinflussung der modernen Architekturauffassung des Bauhauses griffen auch Lübecker Verwaltung und Architektenschaft den sich in den 1920er Jahren in Norddeutschland entwickelnden sogenannte Backstein- oder Klinkerexpressionismus für Neubauten auf. Diese wurden im Anschluss an die Inflationsjahre nach 1923 zunächst von öffentlich-kommunaler Seite in Auftrag gegeben und belebten das Lübecker Stadtbild sowohl durch ihre Materialität als auch durch eine innovative Fassadengestaltung bis heute.

Unter Verwendung dunkler Ziegel, die in unterschiedlichen Brandvariationen eine heterogene Oberfläche zu schaffen vermögen, wurden sachlich-funktionale Bauten errichtet, deren äußere Flächenhaftigkeit durch eine phantasievolle Verwendung von Ziegel und Klinker aufgebrochen wurde. So finden sich zu unterschiedlichsten geometrischen Mustern vermauerte, flächig eingefügte Ziegelsteine im Wechsel mit spitz und kantig oder wie gefaltet hervortretenden Gesimsen, Lisenen, Rahmungen, Gittern, Rauten und Friesen sowie weiteren exponiert und z. T. farbig abgesetzten Dekorelementen an den Hausfassaden wieder. Auch figürliche und ornamentale Elemente kamen in reduzierter und akzentuierter Weise zum Einsatz und verstärken den so tatsächlich entstehenden expressiven Gebäudecharakter.

Nahezu alle diese Bauten zeichnet ein vertikaler, stark in die Höhe strebender Zug aus, der häufig durch übereinanderliegende Fensterachsen und diese flankierende, aus der Fläche heraustretende Bänder hervorgerufen wird. Manchmal findet die vertikale Tendenz der Gebäude ihren oberen Abschluss in einem schlanken, spitzen Dreiecksgiebel, häufiger jedoch durch ein Flachdach bzw. abgetreppte Obergeschosse.

So wie Fritz Schumacher und Fritz Höger als namhafte Repräsentanten des Hamburger Backstein-Expressionismus genannt werden, gab es auch in Lübeck Vertreter unter der Architektenschaft und von amtlicher Seite aus, die mit diesem Baustil verbunden sind. Es sind dies u. a. Oberbaurat Friedrich Wilhelm Virck, die Architekten Lenschow, Runge, von Ladiges sowie die zeitgenössischen Künstler Richard Kuöhl und Ervin Bossanyi, die im gesamten norddeutschen Raum für ihre bauplastischen und künstlerischen Beiträge am Äußeren und im Inneren der Bauten jener Zeit bekannt geworden sind.

 

 

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