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Ehemaliges Kaufhaus am Klingenberg

Sandstr. 24-28

Das ehemalige Kaufhaus des Konsumvereins an der Ecke zur Schmiedestraße wurde 1928-30 nach Plänen der Architekten Alfred Runge und Wilhelm Lenschow errichtet. Als klassischer expressionistischer Klinkerbau weist er viele Charakteristika dieses zeitgenössischen Stils auf. 6-geschossig angelegt mit zwei befensterten, abgetreppten Dachgeschossen, die nach oben flach abschließen, werden die beiden Hauptfassaden durch die wie gefaltet wirkenden und mit großen Fenstern versehenen Erker gegliedert. Lisenenartige Bänder flankieren die Fensterachsen und unterstreichen deren vertikale Ausrichtung. Durch die Anlage der Fenster in dieser prismenartigen Form gelang es den Architekten, für eine optimale Belichtung der großen Ladenfläche im Inneren des Kaufhauses zu sorgen. Dekorative Elemente, wie die auf den Erkerkanten sitzenden vergoldeten Keramikornamente, horizontal und vertikal hervortretende Rustizierungen der Fensterzonen sowie insbesondere die Eckzone des Gebäudes, die in spitzem Winkel beinahe bugartig auf den Klingenberg stößt, weisen dieses Gebäude, dessen Fenster laut einer zeitgenössischen Quelle einen „meerschaumpfeifengelben Farbanstrich“ (Lübecker Heimatblätter, Heft 26, April 1930) besessen haben sollen, als eines der imposantesten Bauten jener Zeit in Lübeck aus.

Beim Bombenangriff auf Lübeck 1942 brannte das Gebäude aus und wurde in den laufenden Jahrzehnten durch wechselnde Nutzungen im Inneren immer wieder verändert. Lediglich das Äußere ist erhalten geblieben (Denkmal seit 1989).

Architekten: Alfred Runge und Wilhelm Lenschow

 

Der norddeutsche Klinkerexpressionismus

In Anlehnung an den Heimatschutzstil und unter Beeinflussung der modernen Architekturauffassung des Bauhauses griffen auch Lübecker Verwaltung und Architektenschaft den sich in den 1920er Jahren in Norddeutschland entwickelnden sogenannte Backstein- oder Klinkerexpressionismus für Neubauten auf. Diese wurden im Anschluss an die Inflationsjahre nach 1923 zunächst von öffentlich-kommunaler Seite in Auftrag gegeben und belebten das Lübecker Stadtbild sowohl durch ihre Materialität als auch durch eine innovative Fassadengestaltung bis heute.

Unter Verwendung dunkler Ziegel, die in unterschiedlichen Brandvariationen eine heterogene Oberfläche zu schaffen vermögen, wurden sachlich-funktionale Bauten errichtet, deren äußere Flächenhaftigkeit durch eine phantasievolle Verwendung von Ziegel und Klinker aufgebrochen wurde. So finden sich zu unterschiedlichsten geometrischen Mustern vermauerte, flächig eingefügte Ziegelsteine im Wechsel mit spitz und kantig oder wie gefaltet hervortretenden Gesimsen, Lisenen, Rahmungen, Gittern, Rauten und Friesen sowie weiteren exponiert und z. T. farbig abgesetzten Dekorelementen an den Hausfassaden wieder. Auch figürliche und ornamentale Elemente kamen in reduzierter und akzentuierter Weise zum Einsatz und verstärken den so tatsächlich entstehenden expressiven Gebäudecharakter.

Nahezu alle diese Bauten zeichnet ein vertikaler, stark in die Höhe strebender Zug aus, der häufig durch übereinanderliegende Fensterachsen und diese flankierende, aus der Fläche heraustretende Bänder hervorgerufen wird. Manchmal findet die vertikale Tendenz der Gebäude ihren oberen Abschluss in einem schlanken, spitzen Dreiecksgiebel, häufiger jedoch durch ein Flachdach bzw. abgetreppte Obergeschosse.

So wie Fritz Schumacher und Fritz Höger als namhafte Repräsentanten des Hamburger Backstein-Expressionismus genannt werden, gab es auch in Lübeck Vertreter unter der Architektenschaft und von amtlicher Seite aus, die mit diesem Baustil verbunden sind. Es sind dies u. a. Oberbaurat Friedrich Wilhelm Virck, die Architekten Lenschow, Runge, von Ladiges sowie die zeitgenössischen Künstler Richard Kuöhl und Ervin Bossanyi, die im gesamten norddeutschen Raum für ihre bauplastischen und künstlerischen Beiträge am Äußeren und im Inneren der Bauten jener Zeit bekannt geworden sind.

 

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