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Lübeck „ Königin der Hanse“ – Entstehung, Aufstieg und Ende der Hanse

Schiffssiegel von 1256 (Stadtarchiv Lübeck)

Schiffssiegel von 1256 (Stadtarchiv Lübeck)

Nachdem 1226 Friedrich II. die Stadt Lübeck zur freien Reichsstadt erklärt hatte, war man frei von Bevormundung durch benachbarte Fürsten und dem Kaiser (der zwar Oberhaupt der Stadt war, aber weit weg war, meistens im Süden des Reiches war). Lübeck konnte somit selbst über Privilegien mit fremden Machthabern verhandeln und sein Handelsnetz konsequent ausbauen und sichern. Lübecks entscheidender Vorteil war die verkehrspolitisch günstige Lage: Verschiedene Handelswege bündelten sich in Lübeck. Der Aufstieg Lübecks gründete sich auf den Umschlag der Rohstoffe und Prestigegüter des Nordens und Ostens gegen Fertigwaren des Westens und Südens.
 

Wappen der Kaufleutekompanie der Bergenfahrer (Museum für Kunst und Kulturgeschichte Lübeck)

Wappen der Kaufleutekompanie der Bergenfahrer (Museum für Kunst und Kulturgeschichte Lübeck)

Die Hanse (althochdeutsch Hansa: Schar, Bund) entstand in einem langen Prozess aus der gemeinsamen Handelspolitik niederdeutscher Kaufleute. 1282 nannten die in England tätigen deutschen Kaufleute ihren Zusammenschluss erstmals Hanse. Die Hanse war eine lose Organisation von Städten, doch konnten diese eine beachtliche Flotte und ein Heer aufbieten, wo immer Diplomatie und die Überzeugungskraft des Geldes nicht ausreichten. Die Macht ihres Handels von Portugal bis Nordwestrussland erlaubte der Hanse rund drei Jahrhunderte lang durch eine kraftvolle und geschickte Politik der aufstrebenden Konkurrenz aus den Niederlanden und England, Skandinavien und Russland Paroli zu bieten.

Ostseebad Travemünde (Presseamt Lübeck)

Ostseebad Travemünde (Presseamt Lübeck)

1329 sicherte sich Lübeck durch den Erwerb Travemündes einen ungehinderten Zugang zur Ostsee. Von 1390 bis 1398 baute man den Stecknitzkanal, den ersten Wasserscheidenkanal in Nordeuropa, und sicherte sich somit eine Verbindung zur Elbe und von dort einerseits nach Lüneburg zur dortigen Salzgewinnung und andererseits über Hamburg in die Nordsee. Zudem hatte man bereits seit dem 13. Jahrhundert entlang der Ost-West-Route von Novgorod bis nach Brügge von den Machthabern Privilegien für die eigenen Kaufleute und die Kaufleute verbündeter Städte erworben. Dazu gehörte neben diversen Vorteilen in Handelsfragen auch das Recht Handelsniederlassungen (später Kontore genannt) in Novgorod, London, Brügge und Bergen sowie kleinere Niederlassungen (Faktoreien) in 44 weiteren Städten im Raum zwischen Lissabon und Smolensk zu errichten. Begleitet wurde der Privilegienerwerb von Bündnissen zwischen den verschiedenen Städten (z.B. 1241 zwischen Hamburg und Lübeck zur Sicherung des Landweges). Im Laufe von mehreren Jahrzehnten entstand aus diesen wachsenden Bündnissen die Hanse. Dabei profitierte die Hanse neben ihren Privilegien auch von den offensichtlich optimal an Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Hansekoggen. Dieser Schiffstyp konnte mit wenig Aufwand gebaut werden und mit weniger Mannschaft mehr Güter transportieren als die bisherigen Schiffe.

Pelzhändler, Gestühlwange der Nowgorodfahrer im Dom (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck)

Pelzhändler, Gestühlwange der Nowgorodfahrer im Dom (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck)

Die Kaufleute waren in unterschiedliche Kompanien gegliedert. Die Novgorodfahrer brachten Pelze, Holz, Wachs, Pech, Teer, Flachs und Hanf aus Russland, die Schonenfahrer die als Fastenspeise wichtigen Heringe, die Schwedenfahrer Erze, die Bergenfahrer Stockfisch aus Norwegen. Aus England und Flandern kamen Tuche und Metallwaren. Verbindungen mit Frankfurt, Nürnberg, Augsburg und Straßburg dienten dem Handel mit Gütern des Mittelmeeres und des Orients.

Mehr als 130 Städte gehörten zur Hanse. Lübeck in der Mitte der Handelsstädte gelegen, nahm eine informell führende Stellung ein und wurde zum „Haupt der Hanse“. Bei den unterschiedlichen Interessen der Mitglieder war man Vermittler und Meinungsmacher zugleich. Seit 1356 fanden regelmäßig die Hansetage zumeist im Lübecker Rathaus statt. Rund 70 Städte nahmen aktiv daran teil, pro Hansetag allerdings in sehr unterschiedlicher Zahl. Dabei erörterten die Delegierten der Hansestädte meist Wirtschaftsfragen und Angelegenheiten der Wirtschaftspolitik, nur selten mussten sie über Krieg und Frieden entscheiden.

Karl IV. (Beischlagwange am Rathauseingang)

Karl IV. (Beischlagwange am Rathauseingang)

Das Jahr 1370 brachte nach schweren Kämpfen mit Dänemark den Frieden von Stralsund, der für einige Zeit die Vormachtstellung der Hansestädte in der Ostsee festigte. Lübecks Vorrangstellung zeigte sich auch, als Kaiser Karl IV. 1375 die Stadt besuchte. Damals hatte Lübeck rund 20.000 Einwohner - eine Zahl, die in Deutschland nur Köln übertraf. Lübecks Ausdehnung entsprach der heutigen Altstadt. Der Kaiser bekundete den Ratsherren seinen Respekt. Er sprach sie wie Adlige und Fürsten mit "Ihr Herren" an, eine Anrede, auf welche nur die Oberschichten in Rom, Pisa, Florenz, Venedig und eben auch Lübeck, die fünf „Herrenstädte“ seines Reiches, ein Anrecht hatten.

Die nächsten Jahre brachten den Zusammenschluss der nordischen Staaten in der Kalmarer Union (1397), Kämpfe um die Freiheit der Sundschiffahrt sowie den günstigen Utrechter Frieden mit England (1474).

Lübecker Salzspeicher, Lagerhäuser im Stil der Backsteinrenaissance (Presseamt Lübeck)

Lübecker Salzspeicher, Lagerhäuser im Stil der Backsteinrenaissance (Presseamt Lübeck)

Das Ende der Hanse kam schleichend. Lübeck verlor seinen Funktion als zentraler Umschlagsplatz im Ost-West-Handel, wie die Handelswege sich verlagerten, denn immer häufiger fuhren Schiffe mit Massengütern wie etwa Getreide direkt von den Häfen der Ostsee in die Häfen der Nordsee, ohne einen Zwischenhalt in Lübeck einzulegen. Waren aus dem russischen Hinterland wurden außerdem immer häufiger über Land transportiert und schlossen somit die Vermittlerrolle der Hansestädte an der Ostseeküste aus. Auch die wachsende Handelskonkurrenz der Niederländer und Engländer traf die deutschen Kaufleute sehr, zumal jene einen direkteren Zugang zu der (nach der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien) entstehenden atlantischen Wirtschaft hatten, in der nun das große Geld verdient wurde. So war es 1494 ein schwerer Schlag als das Handelskontor in Novgorod durch den Großfürsten von Moskau geschlossen wurde. Die Herzogtümer Schleswig und Holstein wurden in Personalunion mit dem dänischen Königtum vereint, so dass der dänische König, einer der schärfsten Gegner der Hanse, Lübecks direkter Nachbar wurde und den Transithandel zu Land zwischen Lübeck und Hamburg und den Seeweg durch den Sund kontrollierte. England und Holland erstarkten immer mehr, die hansischen Privilegien gingen nach und nach verloren und immer mehr Städte mussten auf Druck ihrer Landesherren aus dem Bund austreten oder wandten ihm freiwillig den Rücken zu.

Johannes Bugenhagen (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck)

Johannes Bugenhagen (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck)

1531 wurde Lübeck protestantisch - nach langen Auseinandersetzungen setzte sich eine breite Bürgerbewegung gegen den konservativen Rat durch ("Sängerkrieg"). Der Wunsch nach Neuerungen kam aus der Bevölkerung. 1530 war auf Bitten des schließlich von der evangelischen Seite überzeugten Rates, Doktor Johannes Bugenhagen (1485-1558) nach Lübeck gekommen, um eine neue Kirchenordnung auszuarbeiten (ursprünglich hatte man Martin Luther selbst eingeladen, aber da dieser des Niederdeutschen nicht mächtig war, schickte dieser seinen Beichtvater und engen Vertrauten). Bugenhagen gestaltete mit seiner Schul-, Kranken- und Sozialordnung das gesamte Gemeinwesen neu. 1531 wurde die neue Ordnung angenommen und verkündet. Die Klöster in der Stadt wurden aufgelöst (außer dem St. Johannis Kloster, das reichsunmittelbar war) und in Lateinschulen, Armen- oder Krankenhäuser umgewandelt.

Jürgen Wullenwever (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck)

Jürgen Wullenwever (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck)

Aber die Wirrungen dieser Zeit brachten auch politische Veränderungen mit sich. So wurde die Zusammensetzung des Rates verändert. Selbst Handwerker konnten nun in den Rat gewählt werden, was ihnen zuvor nicht vergönnt gewesen war. Mit Jürgen Wullenwever (ca. 1488-1537) brachte es 1533 ein erst sieben Jahre zuvor aus Hamburg Übergesiedelter sogar zum Bürgermeister. Er versuchte, die einst machtvolle Stellung der Stadt wieder zurück zu erlangen, doch seine abenteuerliche Kriegspolitik („Grafenfehde“) brachte der Stadt eine Niederlage ein. Die Schuldenlast aufgrund des Krieges und die Intervention des Kaiser Karl (1535), der die Stadt unmissverständlich aufforderte, die alte Ratsordnung wieder herzustellen, zwangen Wullenwever die Stadt zu verlassen. Sein Ende kam bald: Er wurde vom Bremer Erzbischof gefangengenommen und 1537 in Wolfenbüttel enthauptet.
 
 
 

Schemata der Verteidigungsanlage am Holstentor (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte)

Schemata der Verteidigungsanlage am Holstentor (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte)

Die 1613 errichteten Befestigungsanlagen hielten den 30jährigen Krieg fern. Der letzte Hansetag wurde 1669 abgehalten. Nur noch sechs Städte nahmen daran teil, drei ließen sich vertreten. Lübeck, Hamburg und Bremen hatten bereits 1629 von den anderen Hansestädten den Auftrag erhalten, die Angelegenheiten der gesamten Hanse zu vertreten. Es dauerte bis 1980, bis die Hansetage auf Initiative des holländischen Zwolle (Hansetag der Neuzeit) wieder eingeführt wurden.

Stadtansicht von 1787 (Stadtarchiv Lübeck)

Stadtansicht von 1787 (Stadtarchiv Lübeck)

Nach dem Ende der Hanse blieb Lübeck eine Kaufmanns- und Handelsstadt, war nun aber durch seine geografische Lage vom atlantischen „Welthandel“ abgekoppelt.